SOLOALBUM – LORCH PRESBERG GEISENHEIM

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Frauenstein, B42, Rüdesheim, Assmannshausen, Lorch, Ranselberg, Presberg, Geisenheim, Winkel, Oestrich, Hattenheim, Eltville, Walluf, Frauenstein

Ich fuhr alleine. Wir konnten wollten uns nicht einigen. Manchmal ist es so.

Da fuhr ich alleine. Alleine fahren ist sehr einsamerwolf-esk. Es bedeutet Freiheit. Man kommt sich vor, wie Wolfgang Fierek auf der Route 66. Oder wie Peter Kraus ohne Cornelia Froboess oder wie Aal ohne Gelee. Freiheit ist toll. Freiheit my ass. Und da wollte ich also nach St. Goarshausen und von da über Patersberg nach Bornich. Warum weiß ich auch nicht. Die Freiheit macht einen ganz kirre. Also fuhr ich. Das Apple Music-Dings spiele The The “This Is The Day”. Sehr fidel, sehr fröhlich. Genau mein Bereich. Ich sang mit. Murmelnd, mürmelnd, quetschte es aus mir heraus. Wie frei ich war. Einfach toll. Skip. Franz Schubert, Winterreise “Gute Nacht”, schon besser, dachte ich und schob die Unterlippe vor. Freiheit. Dann rief ich die Frau an und verfuhr mich. Weil ich nämlich dachte, dass ich in Lorch schon rechts ab müsste, fuhr ich schon in Lorch rechts ab. Aber ich hätte weit nach der Loreley, in St. Goarshausen, rechts ab gemusst. Sagt einem ja auch keiner.

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In den Bergen um Lorch war es sehr sackgassig. Die Frau fragte: “Wo bist Du denn jetzt?” Ich war bei der Hexenküche. Ich drehte um. Trotz des Quittensenfes, den die Hexenküche feil bot. Und dann fuhr ich. Ich fuhr so. Die Frau sagte: “Naja.”, und ich dachte mir das auch. Vor Pressberg machte der Himmel irgendwas. Wenn die Frau jetzt dabei gewesen wäre, hätte ich gesagt: “Frau, mach doch mal ein Foto. Du musst immer Fotos machen. Du bist die Fotografin. Vergiss das nie. Wir sind Reporter.” Da hätte die Frau gesagt: “Naja.” So schoss ich das Foto selbst. Ich hielt an. Die Frau fragte: “Was machst Du denn jetzt, ich höre gar kein Geräusch mehr.” Die Frau sagt immer “Geroich” mit möglichst weichem “ch”. Das macht sie, weil sie mich nachmachen will. Aber ich sage gar nicht Geroich. Ich sage auch nicht Geräuschsch. Ich sagen auch nicht Aschschenbeschscher. Jello – “Vibe a Rolla – Scump Mix”.

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Ich dachte: “Wenn die Frau jetzt da wäre…”. Der Handyempfang war unempfänglich. Die Frau sagte: “Hallo!”, ich verstand “Ha… o!” Ich sagte: “Der Empfang ist hier schlecht. Ich fahre jetzt ohnehin irgendwie zurück. Mal sehen. Schön hier. Aber ich fahre jetzt zurück.” Die Frau sagte: “Was?”

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Einfach das Gerät aus dem Fenster halten. Ich beschloss, mir irgendeinen Griff für das iPhone zum fotografieren zu kaufen. Das iPhone schaltet ständig in irgendwelche Modi. Ich bekam einen Hals. Noch einen. Hab ja schon zwei. This Mortal Coil – “Come Here My Love”.

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Ich dachte: Es ist seltsam, dass man all diese Straßen gebaut hat, wo doch nur ich hier bin. Was das kostet. Nur für mich. “Es geht immer nur um Dich.”, sagt man manchmal. Ich glaube das gar nicht. Ich will das auch gar nicht. Das wäre ja auch unangenehm und sehr auffällig. Alle würden einen anstarren. Das hat man ja nicht gerne, es sei denn an ist Mick Jagger oder Naomi Campbell. Vielleicht sollte ich einfach immer die Kamera aus dem Fenster halten und das dann fotografieren. Ich dachte, vielleicht ist das ja mal was ganz anderes. Mal will ja immer auch mal was ganz anderes machen, dass die Kritiker sagen: “Das ist ja mal was ganz anderes.” Dann hätte man einen USP.

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USP ist wichtig. Ich denke: Wenn doch alle verstünden, was ich wirklich will, dann hätten wir den Weltfrieden und allen ginge es gut. Aber ich kann mich nicht so gut ausdrücken. Ich bin auf eine ganz entzückende Weise dumm. Wenn ich noch nicht mal den Weltfrieden herbeiführen kann, muss ich ja wohl saudumm sein. Andere können das doch auch. Außerdem dachte ich: Auf den Nebenstraßen machte es nur Spaß und Sinn mit der strickigen Bockgelehrten. Ohne sie kann man auch alleine fahren. Das ist ja dann alles quatsch. Isolation Berlin – “Fahr weg”.

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Hier geht es um den Rheingau auf seinen Nebenstraßen. Daran muss nun erinnert werden. Da ich schon wieder irgendwie im Begriff war, durch das Wispertal zu fahren (Deshalb, wegen der Wisper, die wir immer und immer wieder kreuzen und queren, heißt das hier wisper.rocks), das ging dann aber doch zu weit. Ohne Frau fahre ich nicht durchs Wispertal! Also bog ich rechts ab.

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Nach Geisenheim. In Geisenheim steht das berühmte Weingut Schloss Johannisberg. Kaiser Franz I. schenkte die Schlossdomäne 1816 Fürst von Metternich nach dem Wiener Kongress. Das störte mich jetzt aber nicht weiter. Wenn ich Raps sehe, denke ich immer: “Härrlisch!” Das liegt an der gelben Farbe. Pink Anderson – “South Forest Boogie”.

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Und dann war ich wieder am Rhein. Ich liebe den Rhein. Der Rhein ist mein Zuhause. Quasi. Ich habe viele Abenteuer dort erlebt. Einmal habe ich einen toten Hund gefunden. Ein anderes Mal habe ich mit viel Mühe ein Floß gebaut, dass dann aber so schwer war, dass ich es nicht ins Wasser bugsieren konnte. Aber bei Hochwasser, so nahm ich mir vor, werde ich es besteigen und mit ihm den Rhein runterfahren bist zur Nordsee, wie Huck Finn und sein Kumpel. Also natürlich sind die nicht den Rhein runtergefahren. Das ist doch jetzt Korinthenkackerei.

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Auf dem Schiff steht “VIP”. Ich frage mich, welche sehr wichtige Person sich mit mit diesem kärglichen Kahn durch die Gegend fahren lassen würde. VIPs sind doch immer so pingelig. Das wird ja auch immer schlimmer. Pyrolator – “Der Volksmund wird beatmet”.

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Also jetzt fährt man sehr oft den Rhein entlang. Diesen Teil des Rheins. Wenn man im Rheingau auf Nebenstraßen entlang fährt. Warum wird mit Bäumen so umgegangen? Ich habe vergessen, was es bringt, die Bäume so zu beschneiden. Das ist wohl so wie mit Pudeln und das ist immer auch ein bisschen albern, aber es ist in seiner Rheingauhaftigkeit auch wieder knorke. Wie die Bäume da so stehen. Ohne Laub. Diese Stimmung. An der Stelle ist es auch keine Nebenstraße, die ich da befahre, das kann man wirklich nicht sagen. Sehr viele Menschen in aber auch wirklich imponierend großen Autos mit, so muss ich es vermuten, imponierend großen primären Geschlechtsmerkmalen und exorbitanten Gehirnen, fahren sehr schnell und also haben es alle sehr, sehr eilig. Man muss ja schließ ankommen. Zeit ist Geld.  Ich kann das verstehen. Ich fahre langsam. Immer langsamer. Hubert von Goisern – “Der letzte Wille des Elias Alder”.

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Der Kranich von Oestrich-Winkel. Der Kranich ist eigentlich ein Kran. Das mit dem Kranich war ein Gag von mir. Eigentlich eine hutzelige Bretterbude mit Ausleger. Und doch wurde man als in der Hood ansässiger junger Mensch gezwungen, sich den Kran von Oestrich-Winkel anzuschauen. Und damit nicht genug: Man musste ihn auch bewundern. Der Weinverladekran aus dem 18. Jahrhundert hat tatsächlich, jetzt aber mal wirklich, es tut mir ja auch leid, keinerlei besonderen Merkmale. Er steht halt da. Wenn man also sonst nichts zu bieten hat, dann muss halt der Kran herhalten.

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Man hat ja schließlich noch die Weinberge. Wie wichtig die Weinberge sind. Meine Güte. Sagen Sie nichts gegen die Weinberge. An dieser Stelle sind die Weinberge eher flach.
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In Eltville muss man sich konzentrieren. Da ist irgendwann so eine abbiegende Vorfahrt mit Stoppschild. Das ist sicher eine Falle. Da darf man nur 20km/h fahren. Da verhält es sich wie in der DDR. Eltville nennt an daher auch die DDR des Rheingaus. Die Sterne – “Der Tunnel”.

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Und dann kommt Frauenstein. Geliebtes Frauenstein. Wo habe ich nicht schon überall gelebt und noch nie habe ich darüber nachgedacht, mich am Geschehen der Gemeinde, in der ich wohne, zu beteiligen. Seit Sibylle Berg mir mal erzählt hat, dass sie sich da in ihrem Dörfchen in der Schweiz am Dörfchengeschehen beteiligt, finde ich das allerdings cool. Ich will sein wie Sibylle Berg und ein bisschen sehe ich ja auch schon so aus. Nun musste ich erst nach Frauenstein ziehen, um Teil einer Jugendbewegung sein zu wollen. Eines Tages klingeln wir mal beim Ortsvorsteher und fragen, was wir für unser Dorf tun können. Der Plan – “Der Regen tropft”.

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Unterhalb unseres Wohnortes befindet sich die Knopps Alm, die natürlich, natürlich den unvermeidliche Apostroph im Namen trägt. Man kriegt es nicht rau’s aus den Köpfen. Dort gehen wir eines Tages mal hin. Eines Tages wird das so sein. Vielleicht schon diesen Sommer. Ich bin froh, dass ich wieder zuhause bin. Zuhause ist’s am Besten. Und es soll selbstgekochte Cheeseburger geben. Nächstes Mal mache ich auch ein Beweisfoto vom Cheeseburger, damit alle glauben, dass wir wirklich so betucht und stilistisch ganz weit vorne sind, dass wir tatsächlich Essen zubereiten. Alles sollen es sehen und keiner soll denken, wir wären nicht super cool und die Welt wäre total easy. Ich muss es gleich noch twittern. Sonst glaubt es doch wieder keiner (Zwinkersmiley).

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